Stefan Politze (SPD): „Jugendliche interessieren sich nicht für Klamauk in der Politik“

Wann und warum sind Sie in die Politik gegangen?

„Meine Eltern sind beide politisch aktiv gewesen in der Kommunalpolitik. Und ich musste als kleines Kind immer mit, weil meine großen Geschwister nicht auf mich aufpassen wollten. So bin ich schon als sehr junger Mensch in die SPD eingetreten und habe in der Jugendorganisation mitgearbeitet. Sehr früh, als jüngstes kommunalpolitisches Mitglied, bin ich dann in Hannover in einen Bezirksrat gewählt worden. Und dann habe ich seit 1986 Kommunalpolitik gemacht und mir irgendwann die Frage gestellt, ob ich mein Hobby nicht zum Beruf machen will. So habe ich mich 2007 entschieden, für den Landtag zu kandidieren. Und das hat dann auch geklappt.“

Was macht ein schulpolitischer Sprecher eigentlich?

„Wir befassen uns mit allen schulpolitischen Themen, die im Land diskutiert werden. Von Kinderrechten in der Verfassung über frühkindliche Bildung bis hin zum Abitur. Vor allen Dingen ist es wichtig, mit den Menschen im Gespräch zu sein. Das ist zumindest für mich wichtig, dass ich draußen in den Schulen und Kindergärten unterwegs bin und mir anhöre: ‚Was machen die Menschen, die das ausbaden müssen, was wir als Politik auf den Weg gebracht haben?’ Die müssen ja am Ende mit den Gesetzen leben, die wir machen. Und die prüfe ich so ein bisschen auf Lebenswirklichkeit an der Stelle. “

Wie genau setzen Sie sich für Kinder und Jugendliche ein?

„Was wir sehr intensiv diskutieren gerade mit jungen Menschen ist die Frage der Schulverfassung. Da ist ja die Forderung groß, dass es eine Drittel-Parität im Schulvorstand gibt. Weil die Schülerinnen und Schüler sagen: ‚Wir wollen gleiches Recht haben wie die Erwachsenen’. Und diese Frage diskutieren wir mit Jugendorganisationen der Parteien, aber auch mit dem Landesschülerrat, mit dem ich mich einmal im Monat treffe. Ich finde, dass gerade der Landesschülerrat ein ganz wichtiger Gradmesser für uns ist, der uns zeigt, was in den Schulen und bei den Schülern los ist.“

Was sind die wichtigsten Themen, Sorgen und Wünsche junger Menschen in Niedersachsen?

„Was ich von den Schülern mitnehme ist, dass sie ein durchgängiges Bildungssystem haben wollen. Jeder Schüler soll sich gemäß seinen Neigungen entwickeln können. Die wollen kein Aussortieren, sondern die wollen ein Mitnehmen haben. Die Schüler wollen mehr Zeit haben. Die, die nach G8 Abitur gemacht haben, haben sich häufig ein Jahr Auszeit genommen – Lebensfindungsphase. Gerade die, die erst 17 oder teilweise noch 16 Jahre waren. Man kann sich zum Beispiel nicht selber in der Uni einschreiben, da müssen Mama oder Papa mit. Total uncool. Alle anderen Generationen davor konnten das selbständig machen, weil die 18 waren. Und ich nehme wahr, dass das für Schüler echt viel wert ist, mehr Zeit zum vertieften Lernen zu haben und entstresster ins Berufsleben zu starten. Ich finde, wir als Politik müssen die Voraussetzungen dafür schaffen. Das ist ein Auftrag, den wir haben von dieser jüngeren Generation.“

Interessieren sich Jugendliche überhaupt für Politik?

„Ja. Aber Jugendliche sind nicht interessiert an dem Klamauk, der in der Politik stattfindet. Das, was wir häufig im Parlament erleben. Plenarwoche heißt Schaulaufen für die Presse. Eigentlich weiß jeder, was der andere denkt. Aber es muss unbedingt nochmal für die Presse sehr zugespitzt gesagt werden. Und wenn man dann mit einer Schülergruppe spricht, kommt immer: ‚Was haben die für ein Benehmen da unten? Die haben ein Handy in der Hand, die haben ‘ne Zeitung in der Hand. Die einen sind draußen Kaffee trinken, der halbe Plenarsaal ist leer. Das dürfen wir als Schüler alles nicht!’. Dann versuche ich das zu erklären, warum mal jemand draußen ist – Besuchergruppe. Warum jemand eine Tageszeitung liest –, um sich vorzubereiten auf die politischen Themen. Aber dieses Gequatsche während jemand spricht, das kann man einem Schüler nicht vermitteln. Das Thema Respekt. Da haben wir Politiker die Verantwortung, diesen Respekt auch zu haben, dem anderen erstmal zuzuhören und nicht dazwischen zu rufen. Und auch zu vermitteln, dass uns das wichtig ist, was wir hier machen. Denn wir werden schließlich von den Menschen draußen bezahlt.“
Interview mit Stefan Politze, Schulpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion (©Tom Figiel)
Stefan Politze: „Jugendliche interessieren sich nicht für Klamauk in der Politik“ (©Tom Figiel)

Inwiefern ist Politik für junge Menschen wichtig?

„Weil es ganz viele politische Entscheidungen gibt, die Einfluss auf das haben, was Schüler betrifft. Also, wenn wir zum Beispiel das Schulgesetz ändern, ohne mit den Schülern zu reden, dann hat das am Ende Auswirkungen, ohne das wir vielleicht Argumente berücksichtigt haben, die für die Schulwirklichkeit wichtig sind. Und wenn wir ihnen politische Prozesse nicht erklären, weil wir uns politische Bildung nicht auf die Tagesordnung schreiben, dann bringen wir sie nicht an Demokratie heran. Aber nur wenn wir ihnen erklären, wofür Demokratie wichtig ist – nämlich, dass wir hier seit 60 Jahren in einem ganz tollen System leben, was keinen Krieg hat beispielsweise – dann erkennen sie, wie wichtig Demokratie ist. Aber das müssen wir ihnen erklären, dass der Staat nicht nur ein Selbstzweck ist. Nein, ich muss daran teilhaben: durch Abstimmung bei Wahlen oder aber persönliches Engagement.“

Was raten Sie Jugendlichen, die sich politisch engagieren wollen?

„Guckt einfach mal im Internet bei den Jugendorganisationen, und zwar bei allen Jugendorganisationen, die es gibt. Von jeder Partei. Und guckt mal, was sie für Ziele und Mitwirkungsmöglichkeiten haben. Schaut überall mal rein, um zu gucken, was eurer Neigung entspricht. Und dann geht da mal hin und macht mal mit. Dann empfehle ich immer, dass man einfach mal in ein Rathaus geht und sich eine Ratssitzung anschaut, um zu sehen: ‚Mensch, die entscheiden ja über mein Jugendzentrum vor Ort, die entscheiden ja darüber, ob ein Spielplatz eingerichtet wird. Das hat Auswirkungen auf mein tägliches Leben.“